Holland – Tag 11 – Watloopen – Ein Spass für alle Ferkel

Tag der Abrechnung. 5 Uhr Tagwache, mal schauen wie die Mädels es verkraften, nachdem sie gestern nicht einschlafen wollten. Große Probleme gibt es dann doch nicht.

Alles eingepackt wie in der Mail beschrieben, Frühstück für alle und Wachmacher für den Fahrer und los geht die wilde Fahrt nach Pieterburen. Ein Ort in der Provinz Groningen, die im Westen an Fryslan (Friesland) grenzt. Ohne Navi finde ich mich in dem Gewirr aus Stadtumfahrungen bei den „Großstädten nicht mehr zu recht. Jasmin navigiert (weil sie einerseits meinem Navi noch immer nicht traut, und andererseits, weil es sich jetzt schon als bewährt erwiesen hat) wie immer ohne Makel!! Wenn man sich das Autobahnnetz der Niederlande ansieht, wird man merken wovon ich hier spreche denn die Niederlande haben mit 57,5 Kilometern den größten Anteil Autobahnkilometer pro 1000 km² in der EU!

Plötzlich auf der Hälfte der Fahrt kommts mir wieder in den Sinn, dass ich ja hier gar nicht fahren wollte. Ich wollte den Abschlussdeich sehen, der das Ijselsmeer begründet hat und damit Flevoland entstand. Welches jetzt durchschnittlich 5m UNTER dem Meeresspiegel liegt. Naja jetzt ist es zu spät und wir nehmen die andere Strecke. Welche auch seeeeeehr nice anzuschauen ist. Windräder soweit das Auge reicht. Die stehen quasi auf jedem Feld. An einem Ort den wir passierten waren sie in Reih und Glied. Man fuhr darauf zu und konnte rechts am Horizont nicht ausmachen wie lang diese Reihe war. Dahinter dann eine neue Reihe und noch eine usw. usf.

Die Kinder sind natürlich bald nach Beginn der Fahrt eingeschlafen und haben somit gut durchgehalten und sehr wenig dieser schönen Landschaft mitbekommen. Irgendwann müssen wir natürlich auch abfahren von der Autobahn und die normale Straße benutzen, K2 beklagt sich wieder mal darüber, dass ihr schlecht sei, wir tun es als üblich ab und fahren natürlich weiter. Hier kann man halt nicht sagen „Über Stock und über Stein“, sondern eher „Links, links rechts links“ ging die Fahrt. Beim 2ten mal Kommentar von hinten öffne ich dann die Fenster um das Problem mit etwas Frischluftzufuhr zu beheben und irgendwann kommt dann: alles wieder gut. Nach ein paar Minuten dann der Alarm: Mama mir ist jetzt wirklich schlecht, ich muss speiben! Und zu 99% tritt es dann auch ein! K1 nimmt geistesgegenwärtig den übrig gebliebenen Donut aus der Verpackung und hält diese dann K2 vor die Nase. Ich fahre natürlich so schnell es ging an die Seite und hab den “Park anywhere” Button gedrückt während K2 hinten die Schüssel mit ihrem Frühstück wieder befüllt. Naja zumindest war die Laune danach besser und wir konnten unsere restlichen 10km ohne Zwischenfälle fortsetzen.

Hausummer war 84, Jasmin hat 85 eingegeben und wir sind dann auch davor stehen geblieben. Es war ein Privathaus und daneben eine Art Museum wo irgendwas mit Wad oben stand. Jasmin schaut nochmal in die E-Mail und sieht 84. Ach das muss ja gegenüber sein. Denkste. Wir schauen so die Straße runter und sehen ein paar 100m weiter an die 50-80 Leute rumstehen. Ah, alles klar, da gehts lang. Ich geh mal runter, deute dass wir hier richtig sind und stelle mich gleich in die Schlange der Wartenden. Jasmin will noch das Auto umparken, ich sag ihr aber, dass sie sich das sparen kann, weil wir dann ja eh wieder wegfahren, sollte sie das schon vergessen haben. Wir checken unseren Guide für die Wanderung und stellen uns bei der Schuhausgabe an. Jasmin hat Wattwanderschuhe mitgebucht, die im Endeffekt Knöchelhohe Tauchschuhe sind. 7,5€ das Paar x4 und 50€ Kaution. Allen passen die Schuhe ungefähr, aber ist jetzt auch egal, sie sind innen eh schon angefeuchtet, da ist es nicht sooo schlimm, wenn sie etwas zu groß sind. Wir holen uns noch den Kaffee und Apfelkuchen der hier ebenfalls in dem Paket dabei ist, gehen nochmal alle aufs Klo und ich folge der Anleitung von Michael, unserem Guide wo wir uns treffen. Es sind ca. 12 Autos im Konvoi und wir sind mal wieder die Letzten.

Wir kurven 10 Minuten durch die Gegend, durchfahren einen Deich in Richtung Meer um dann vor einem sehr viel Größeren anzuhalten. Wir ziehen uns um, Socken aus, rein in die Stiefel, Rucksack drauf, alles dabei was die Herrschaften vorgeschrieben haben. Michael erklärt kurz was wir machen und wo wir uns treffen. Am Weg zum Deich merkt man schon wer hier zu Hause ist, denn die Kackhaufen am Boden sind kaum zu übersehen. Hauptsächlich Schafe die wir sehen haben sehr viele Hinterlassenschaften abgelegt. Es wundert mich, dass der Boden noch grün ist, und nicht braun. Wir erklimmen den Deich und sehen auf der anderen Seite mehr Graslandschaft und in der Ferne, so etwas wie Sand, und kleine Zäune und natürlich viel mehr Menschen die schon losgegangen sind. Michael erklärt uns, dass wir jetzt 9 Meter hoch sind, der erste Deich den wir durchfahren haben früher mal der Schutzwall war, und es davor noch einen gegeben hat, der jetzt allerdings weg ist. In der Sturmzeit (Sept.-April) kommt das Wasser bis ca. 6 Meter hoch und sie müssen den Deich um 1 Meter erhöhen, da sie sonst ein kleines Problem in Zukunft haben. In der Ferne sieht man die Inseln Schiermonnikoog, Boschplaat und Borkum, wobei letztere schon zu Deutschland gehört. Man könnte alle zu Fuß erreichen, wenn man rechtzeitig losstartet. Auch sind im Moment die Inseln mehr oder weniger bewohnt von Vogelzählern. Die kommen im September dann wieder runter, weil es zu gefährlich ist. Die Graslandschaften vor uns sind abermals mit Schafen gefüllt. Diese Felder werden vermietet und es dürfen nur Tiere gehalten werden. Es darf kein Getreide angebaut werden! Warum das so ist, habe ich nicht rausgefunden. Egal, er sagt noch, dass es sein kann, dass wir tote oder sterbende Tiere sehen werden und die Kinder sollen diese auf keinen Fall angreifen. Wir erklären das mal Dr. Dolittle bei uns (K2), die dann 15 Minuten diskutiert, was denn ist, wenn ein Schaf herkommt und was denn ist, wenn ein Vogel herkommt, der nicht am Sterben ist oder ein Fuchs oder oder oder. Bis hier hin war es noch recht “langweilig” wir konnten uns einfach nichts drunter vorstellen wie es weitergeht.

Wir gehen runter und bleiben kurz stehen, und sehen auch schon den ersten toten Vogel (der wurde sicher hier platziert, denn es war der einzige bei dieser Wanderung). Michael erklärt, dass wir maximal bis zu den Wadeln einsinken und wenn jemand den Stock (Einer für ca. 30 Personen) braucht, weil er nicht mehr weiter kommt, einfach ihm Bescheid geben. Ich denk mir erstmal nix dabei, schaue meine 3 Begleiterinnen an, die einen ebenso ratlosen Gesichtsausdruck wie ich draufhaben und wir gehen los. Nach 3 Schritten, und ja es waren wirklich nicht mehr seit wir von diesem Deich runtergekommen sind, sind wir alle mal bis über die Schuhe im Matsch gestanden und die Fortbewegung war eher träge. Es riecht extrem nach faulen Eiern und K1 muss sich beinahe mehrmals übergeben, weil sie auch immer so schön einatmet. Ich möchte einfach nicht umfallen und mich einferkeln und sehe wie alle um uns herum ums nackte Überleben kämpfen. Bei vielen Kindern ist Hopfen und Malz verloren, denn sie sind schon umgekippt. Ich kann vorweg spoilern, wir sind nicht reingefallen und hatten von allen am Ende am wenigsten Dreck am Stecken. Ein Junge im Alter von geschätzt 12 Jahren hat diese Tag genutzt um sich komplett einzuschlammen. Er hat sich von oben bis unten eingesaut, hat Pinguin-Dives in den Schlamm gemacht und war dann natürlich dementsprechend nass. Sehr vorbildlich!!

Die Schritte machen schöne Quatsch Geräusche und es rinnt oben in den Schuh einfach der ganze Schmodder rein. Bin ich froh, dass ich keine Socken angezogen habe. Und WIE FROH ich über diese Schuhe bin! GOTT, wie ich über diese 7,50€ Ausgabe froh bin! Eine Dame geht mit hohen Converse!!!! Echt jetzt!!??? Einige Leute gehen mit Leggins!! Am Ende haben wir bis unters Knie den Schlamm drauf. Na da brauch ich jetzt aber keine lange Hose.

Wir bleiben dann bei so einem Zaun stehen und Michael gibt reihum ein Fischernetz mit welchem man einfach über den Boden fährt und sofort Krebse, Garnelen und kleine Fische drin hat. Wahnsinn!! Wir haben dort ein Seegras zu kosten bekommen, welches über 100€ das Kilo kostet und einfach nur salzig geschmeckt hat. 1 von 4 hats geschmeckt. Ratet mal wer, Tipp: ich wars definitiv nicht und die Kinder schon gar nicht. Der Zaun an dem wir stehen ist ca. zwischen Knie und Hüfte hoch und wenn man auf die andere Seite (Meerseite) steigt dann hüfthoch. Diese kleinen unscheinbaren Dinger haben das Land gewonnen. Die Erklärung dazu: Die Gezeiten treiben das Wasser rein, natürlich mit Sand und Steinen und was weiß ich für Teilchen. Die Zäune halten das ganze Material auf und lassen das Wasser aber gleichzeitig wieder zurück. So macht das Meer die ganze Arbeit alleine und nach ungefähr 3 Jahren setzt man einen neuen Zaun 20-30 Meter weiter raus und beginnt von Neuem. So hat man in 50 Jahren ein ganzen Stück Land gewonnen, welches von einem Deich geschützt werden muss. Im Moment hat die Regierung aber kein Landgewinnungsprogramm, also werden diese Zäune nicht erweitert. Total spannend diese Geschichte. Draußen weiter kann man schon wieder “normal” gehen, man sinkt nicht wirklich ein, sondern skatet einfach am Sand dahin. Diese Fortbewegung haben die Mädels schnell perfektioniert.

Soweit das Auge reicht sieht man nur eine Sandbank. K2 findet mit dem Fischernetz Krebse im Überfluss und auch Austern werden gefunden. Vorerst nur leere Schalen, aber je weiter wir gehen umso mehr geschlossene gibt es. Ich sehe eine Austernbank (das sind mehr als 1 zusammengewachsene Austern) aus dem Wasser ragen und sage zu den Mädels, na die werdet ihr mal probieren. Jasmin verneint, auch mit dem Hintergrund, dass ich ohnehin kein Austernmesser dabeihabe. 5 Meter weiter ist Michael dabei für die ersten Wadloper eine Auster mit seinem Messer zu knacken. HA HA!! Geht doch. K2 hat in der Zwischenzeit einen Riesenkrebs gefunden der oben schon mit Muscheln bewachsen war. Sie hat ihn in die Mitte der Menschentraube geworfen welche grade auf eine Auster warten. Man hat schön von oben gesehen wo der Krebs sitzt, denn seine Muscheln haben aus dem Wasser geschaut. Eine unaufmerksame Mitläuferin hatte gleichzeitig im Wasser nach Austern gesucht und ich stupse Jasmin an und sage, gleich wird sie den Krebs angreifen. Die konnte quietschen, welch eine Freude und wir haben uns totgelacht.

Michael hat den Kindern eine Auster geöffnet, denn sie wollten probieren. Jasmin und meine Wenigkeit haben gleich abgelehnt, denn die letzte aus Albanien hing noch in Erinnerung. Urgh… Er hat sie in der Mitte geteilt, denn eine ganze pro Kind wäre doch etwas viel gewesen. Naja Long Story Short: Wer durfte sie dann essen? Richtig, die 2 die eh schon eine gegessen haben. ABER!! Wir müssen beide zugeben: Die war eigentlich ganz gut! Keine Spur von dem Rotz und Schlatz aus der Erinnerung. Ein fischiger Geschmack ja, aber das Gefühl war anders. Frischer gehts quasi nicht. Wir sind schließlich zurückgewandert, durch den Matsch und Gestank. Die Kinder hatten Spaß und wir haben die besten Tipps fürs Wadlopen resümiert! UNBEDINGTE EMPFEHLUNG!! Man muss es mal machen!! Abgesehen davon, dass es wirklich spannend ist, gibt es mehrere Möglichkeiten der Wanderungen.

Am Schluss gab es noch einen Tipp, wie wir uns waschen können. Zurück hinterm Deich einfach in den Fluss steigen und abwaschen. Der “Fluss” war brauner als braun und arschkalt. Zumindest der Schlamm ging runter, der Gestank blieb. Na Gott sei Dank!! Wir holten uns noch unser Wadlop-Diplom und zogen uns beim Auto dann trotzdem komplett um. Zurück zum Wadlop-Zentrum um die Schuhe abzugeben und unsere Kaution wieder zu bekommen. Habe ich schon erwähnt WIE froh ich über diese Schuhe war!

Im örtlichen Lokal haben wir uns dann, doch recht teuer dafür, dass man hier am Arsch der Welt ist, gestärkt um anschließend noch das Seerobbenkrankenhaus zu besuchen. Hier werden allein gelassene Robben und Seehunde und was weiß ich noch alles eingefangen, aufgepäppelt und dann nach 2-3 Monaten wieder in die freie Wildbahn entlassen. Wir lernen hier auch dass sie im Stande sind wie Papageien Geräusche nachzuahmen. Außerdem sehen sie sooooo süß aus, wenn sie im Wasser wie kleine dicke Korken treiben.
Auf jeden Fall, Tierhilfe auf höchstem Niveau!! Sehr interessant und informativ! Auch hat es noch eine kleine Ausstellung zur Pazifischen Auster gegeben, die die Europäische Auster komplett verdrängt hat sodass in den Niederlanden nur mehr diese angebaut wird.

Als wir das Krankenhaus verließen fielen mir sofort die 100e Seeschwalben auf die einen wahnsinnigen Tiefflug hinlegten. Egal in welche Richtung man sah, die Schwalben waren da zu Hauf und holen sich die fliegenden Ameisen, die hier grade eine Sommersonnenwende feierten. Ein Festmahl für die Vögel die quasi schon den Himmel verdunkelten. Ich habe sowas noch nie gesehen.

Der Heimweg wurde dann über den Breezanddijk gelegt und wir mussten ein paar Mal korrigieren, denn sowohl mein Navi als auch Google Maps wollten diesen Weg einfach nicht nehmen. Es gelang aber und wir fuhren schließlich über 40km aufgeschütteten Landes. Einfach unglaublich was Menschen hier erschaffen haben. Dieser Deich (oder eher eigentlich Damm) welcher einen großen Teil der Niederlande davor bewahrt von Wasser verschluckt zu werden ist 2-Spurig befahrbar und hat rechts und links noch Parkstreifen und Aussichtsplattformen und ist einfach nur riesig. Und innerhalb dieses Deichs natürlich Windräder im Meer soweit das Auge reicht. Und alle in Bewegung. Ich habe keines gesehen welches sich nicht bewegt hat.

Glücklicherweise kann man ab 19 Uhr an bestimmten Stellen statt 100 – 120 km/h fahren und so verkürzte sich die Fahrzeit um ca. 20 Minuten. Der Verkehr war auch schon eher abgeflaut und wir sind um 20:30 ca. daheim angekommen. Unser Abendessen bestand aus den restlichen Mini-Frühlingsrollen und den Gyoza. Eine Dusche war für alle NOTWENDIG, denn der Geruch hat uns weiterhin verfolgt! Beinahe 7 Stunden Autofahrt pro Tag schlauchen dann schon, sodass wir den letzten Tag morgen wahrscheinlich in Ruhe angehen werden und schauen was auf uns zu kommt. Der Urlaub ist beinahe vorüber, wir haben viel erlebt und gesehen, ein Fazit werde ich noch auslassen, denn das kommt ja immer am Ende einer Reise!

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